Website der Stiftung "Deutsches Zentrum Kulturgutverluste"

Neue Empfehlung der Beratenden Kommission Berufung eines neuen Mitglieds der Beratenden Kommission

Datum 22.07.2021

Die Be­ra­ten­de Kom­mis­si­on im Zu­sam­men­hang mit der Rück­ga­be NS-ver­fol­gungs­be­dingt ent­zo­ge­nen Kul­tur­guts, ins­be­son­de­re aus jü­di­schem Be­sitz, hat un­ter dem Vor­sitz von Prof. Dr. Hans-Jür­gen Pa­pier in der Sa­che Er­ben nach Ro­bert Graetz ./. Stif­tung Stadt­mu­se­um Ber­lin am 12. Ju­li 2021 ein­stim­mig be­schlos­sen, ei­ne Re­sti­tu­ti­on des Ge­mäl­des Por­trait Al­fred Kerr von Lo­vis Co­rinth an die Er­ben nach Ro­bert Graetz nicht zu emp­feh­len.

Das Ge­mäl­de war Teil der um­fang­rei­chen Kunst­samm­lung von Ro­bert Graetz. Graetz war er­folg­rei­cher Un­ter­neh­mer und Teil­ha­ber der Fir­ma Glass & Graetz oHG in Ber­lin. We­gen sei­ner jü­di­schen Ab­stam­mung wur­den er und sei­ne Fa­mi­lie in­di­vi­du­ell und kol­lek­tiv ver­folgt. Sei­nen Kin­dern aus ers­ter Ehe ge­lang die Flucht ins Aus­land, der Sohn sei­ner zwei­ten Ehe­frau Blu­ma Graetz wur­de mit ei­nem Kin­der­trans­port nach Eng­land ge­bracht. Nach dem Über­fall auf die So­wjet­uni­on am 22. Ju­ni 1941 wur­de Blu­ma Graetz we­gen ih­rer Staats­an­ge­hö­rig­keit als „Staats­fein­din“ ein­ge­stuft und über die Tür­kei nach Russ­land aus­ge­lie­fert, wo sie sechs Jah­re lang schwe­re Zwangs­ar­beit ver­rich­ten muss­te. Ro­bert Graetz wur­de am 14. April 1942 mit dem 14. Trans­port in das Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger Traw­ni­ki bei Lub­lin de­por­tiert. Ei­ne letz­te Nach­richt an sei­ne Toch­ter ist vom 16. Ju­ni 1942 aus dem War­schau­er Ghet­to über­lie­fert. Zum 31. De­zem­ber 1945 wur­de er für tot er­klärt.

An­ge­sichts des Ver­fol­gungs­schick­sals der Fa­mi­lie Graetz geht die Be­ra­ten­de Kom­mis­si­on zwar da­von aus, dass die um­fang­rei­che Kunst­samm­lung der Fa­mi­lie größ­ten­teils wäh­rend des Na­tio­nal­so­zia­lis­mus ver­fol­gungs­be­dingt ver­lo­ren ging. Nach Auf­fas­sung der Be­ra­ten­den Kom­mis­si­on ist al­ler­dings nicht mit hin­rei­chen­der Wahr­schein­lich­keit dar­ge­tan, dass auch das streit­be­fan­ge­ne Ge­mäl­de Ro­bert Graetz ver­fol­gungs­be­dingt ent­zo­gen wur­de und er ge­ge­be­nen­falls der Pri­mär­ge­schä­dig­te war. Dar­über hin­aus steht in die­sem Fal­le ei­ner Rück­ga­be ein 1957 ge­schlos­se­ner Ver­gleich ent­ge­gen. Dar­in ver­stän­dig­ten sich die Er­ben nach Ro­bert Graetz mit den da­ma­li­gen Be­sit­zern über den Ver­kauf des Bil­des an das Schil­ler­thea­ter. Auf­grund des Ver­gleichs er­hiel­ten die Er­ben nach Ro­bert Graetz ei­nen Teil des Ver­kaufs­er­lö­ses als Aus­gleichs­leis­tung. In der Ge­samt­wür­di­gung ist die Be­ra­ten­de Kom­mis­si­on des­halb zu der Ein­schät­zung ge­langt, dass das Ge­mäl­de nicht an die Er­ben nach Ro­bert Graetz zu re­sti­tu­ie­ren ist.

Die Be­ra­ten­de Kom­mis­si­on legt je­doch Wert auf die Fest­stel­lung, dass die Ge­schich­te des Ge­mäl­des auf be­drücken­de Wei­se mit drei – nimmt man den Por­trai­tier­ten hin­zu, mit vier – Ver­fol­gungs­schick­sa­len ver­knüpft ist. Die Be­ra­ten­de Kom­mis­si­on emp­fiehlt, dass die Stif­tung Stadt­mu­se­um Ber­lin die­se Pro­ve­ni­enz bei ih­rem künf­ti­gen Um­gang mit dem Por­trait Al­fred Kerr auf an­ge­mes­se­ne Art und Wei­se wür­digt.

Die voll­stän­di­ge Be­grün­dung der Emp­feh­lung fin­det sich auf be­ra­ten­de-kom­mis­si­on.de.

 

Im Ein­ver­neh­men mit den Kul­tur­mi­nis­te­rin­nen und-mi­nis­tern so­wie den Kul­tur­se­na­to­ren der Län­der und den kom­mu­na­len Spit­zen­ver­bän­den hat Kul­tur­staats­mi­nis­te­rin Mo­ni­ka Grüt­ters Herrn Mi­nis­ter­prä­si­den­ten a.D. Pro­fes­sor Jür­gen Rütt­gers in die Be­ra­ten­de Kom­mis­si­on im Zu­sam­men­hang mit der Rück­ga­be NS-ver­fol­gungs­be­dingt ent­zo­ge­nen Kul­tur­guts, ins­be­son­de­re aus jü­di­schem Be­sitz, be­ru­fen. Die Be­ru­fung ei­nes neu­en Mit­glie­des war nach dem Aus­schei­den von Prof. Dr. Dr. Diet­mar von der Pford­ten not­wen­dig ge­wor­den.