Website der Stiftung "Deutsches Zentrum Kulturgutverluste"

Empfehlung der Beratenden Kommission nicht umgesetzt

Datum 18.01.2021

Die Be­ra­ten­de Kom­mis­si­on im Zu­sam­men­hang mit der Rück­ga­be NS-ver­fol­gungs­be­dingt ent­zo­ge­nen Kul­tur­guts, ins­be­son­de­re aus jü­di­schem Be­sitz, stellt fest:

 1. Die Emp­feh­lung der Be­ra­ten­den Kom­mis­si­on vom 7. De­zem­ber 2016 in der Aus­ein­an­der­set­zung zwi­schen den Er­ben nach Fe­lix Hil­des­hei­mer und der Franz Hof­mann und So­phie Ha­ge­mann Stif­tung (im Fol­gen­den: Ha­ge­mann Stif­tung) wur­de nicht um­ge­setzt. Dar­in hat die Be­ra­ten­de Kom­mis­si­on emp­foh­len, dass die Ha­ge­mann Stif­tung als Ent­schä­di­gung für ei­ne Guar­ne­ri-Gei­ge in ih­rem Be­sitz 100.000,- € an die Er­ben nach Fe­lix Hil­des­hei­mer be­zahlt. Bei­de Sei­ten ha­ben dies als fai­re und ge­rech­te Lö­sung ak­zep­tiert. Für die Ha­ge­mann Stif­tung hat der Vor­stand am 9. De­zem­ber 2016 öf­fent­lich be­kräf­tigt, der Emp­feh­lung der Be­ra­ten­den Kom­mis­si­on Fol­ge leis­ten zu wol­len. Gleich­wohl hat die Ha­ge­mann Stif­tung bis heu­te die emp­foh­le­ne Ent­schä­di­gungs­zah­lung an die Er­ben we­der ganz noch teil­wei­se ge­leis­tet.

 2. Ihr Un­ver­mö­gen hat die Ha­ge­mann Stif­tung zu­nächst mit stif­tungs­recht­li­chen Schwie­rig­kei­ten be­grün­det. Es ist je­doch nicht zu er­ken­nen, in­wie­weit die Ha­ge­mann Stif­tung ge­gen­über der Stif­tungs­auf­sicht den ernst­haf­ten Wil­len zum Aus­druck ge­bracht hat, der Emp­feh­lung der Be­ra­ten­den Kom­mis­si­on nach­zu­kom­men. Auch an­de­re We­ge, die Ent­schä­di­gungs­s­um­me auf­zu­brin­gen, wur­den nicht mit der ge­bo­te­nen An­stren­gung ver­folgt. Die Be­ra­ten­de Kom­mis­si­on be­dau­ert, dass sich kei­ne der be­tei­lig­ten öf­fent­li­chen In­sti­tu­tio­nen da­zu im­stan­de ge­se­hen hat, die Ha­ge­mann Stif­tung zu ver­an­las­sen, der Emp­feh­lung der Be­ra­ten­den Kom­mis­si­on Fol­ge zu leis­ten, und sie da­bei zu un­ter­stüt­zen.

 3. Auf die Bit­te der Be­ra­ten­den Kom­mis­si­on, ihr wei­te­res Vor­ge­hen zu er­läu­tern, hat die Ha­ge­mann Stif­tung nun­mehr auf neue For­schungs­er­geb­nis­se ver­wie­sen, die be­le­gen wür­den, dass Fe­lix Hil­des­hei­mer nicht be­reits 1937 – wie noch 2016 an­ge­nom­men – son­dern erst am 11. Ja­nu­ar 1939 ge­zwun­gen ge­we­sen sei, sein Ge­schäft zu ver­kau­fen. Die Ha­ge­mann Stif­tung sieht sich des­halb da­zu be­rech­tigt, kei­ne An­stren­gun­gen zur Um­set­zung der Emp­feh­lung mehr zu un­ter­neh­men. Da­mit setzt sie sich nicht nur in Wi­der­spruch zu den gel­ten­den Grund­sät­zen zur Re­sti­tu­ti­on von NS-Raub­gut, wie sie in den Wa­shing­ton Prin­cip­les und der Hand­rei­chung nie­der­ge­legt sind, son­dern igno­riert auch den ge­si­cher­ten Kennt­nis­stand über das Le­ben im na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Deutsch­land, ins­be­son­de­re nach dem 9. No­vem­ber 1938.

4. Der Er­ben­ge­mein­schaft, de­ren deut­sche Vor­fah­ren un­ter der Herr­schaft des Na­tio­nal­so­zia­lis­mus schwe­rer Ver­fol­gung aus­ge­setzt wa­ren, wird seit vier Jah­ren der Ein­druck ver­mit­telt, ei­ner Wie­der­gut­ma­chung his­to­ri­schen Un­rechts stün­den in Deutsch­land po­li­ti­scher Un­wil­le und bü­ro­kra­ti­sche Hür­den im Weg. Dass die Ha­ge­mann Stif­tung da­bei un­ver­än­dert für sich in An­spruch nimmt, ihr Um­gang mit der An­ge­le­gen­heit ma­che die Gei­ge zu ei­nem „In­stru­ment der Ver­stän­di­gung“, hält die Be­ra­ten­de Kom­mis­si­on für be­son­ders un­an­ge­bracht.

 

An­hang

Der Emp­feh­lung der Be­ra­ten­den Kom­mis­si­on vom 7. De­zem­ber 2016 la­gen fol­gen­de Er­wä­gun­gen zu­grun­de:

So­phie Ha­ge­mann hat 1974 ei­ne Guar­ne­ri-Gei­ge er­wor­ben, die sich heu­te im Be­sitz der Ha­ge­mann Stif­tung be­fin­det. Im Zu­ge ei­ner ge­plan­ten Re­stau­rie­rung be­gann die Ha­ge­mann Stif­tung, die Pro­ve­ni­enz des In­stru­ments zu un­ter­su­chen. Da­bei er­gab sich, dass der Speye­rer Mu­si­ka­li­en­händ­ler Fe­lix Hil­des­hei­mer die Gei­ge am 24. Ja­nu­ar 1938 er­wor­ben hat­te. Als Ju­de wur­de Fe­lix Hil­des­hei­mer in­di­vi­du­ell und kol­lek­tiv ver­folgt. Nach­dem er Wohn­haus und Mu­si­ka­li­en­hand­lung ver­kau­fen muss­te, be­ging Fe­lix Hil­des­hei­mer am 1. Au­gust 1939 Selbst­mord. Sei­nen bei­den Töch­tern war zu­vor die Aus­rei­se nach Aus­tra­li­en bzw. die USA ge­lun­gen. Sei­ne Wit­we wur­de am 26. Ok­to­ber 1940 nach Gurs de­por­tiert, am 10. No­vem­ber 1941 konn­te sie über Mar­seil­le in die USA flie­hen. Das zu­rück­blei­ben­de Mo­bi­li­ar wur­de von der Ge­sta­po be­schlag­nahmt und ver­stei­gert. An­ge­sichts die­ser Tat­sa­chen ist nicht er­sicht­lich, wie Fe­lix Hil­des­hei­mer die Gei­ge auf ei­ne Wei­se ver­lo­ren ha­ben könn­te, die heu­te nicht zur Re­sti­tu­ti­on ver­pflich­ten wür­de. Die Be­ra­ten­de Kom­mis­si­on ist in ih­rer Emp­feh­lung des­halb zu dem Er­geb­nis ge­langt, dass es sich bei der Gei­ge um NS-ver­fol­gungs­be­dingt ent­zo­ge­nes Kul­tur­gut im Sin­ne der Wa­shing­ton Prin­cip­les und der Hand­rei­chung han­deln müs­se.

Weil die Stif­te­rin die Gei­ge in gu­tem Glau­ben er­wor­ben und die Ha­ge­mann Stif­tung selbst be­trächt­li­che An­stren­gun­gen un­ter­nom­men hat, um die Pro­ve­ni­enz des In­stru­ments auf­zu­klä­ren, hat die Be­ra­ten­de Kom­mis­si­on dar­auf ver­zich­tet, ei­ne Re­sti­tu­ti­on zu emp­feh­len. Statt­des­sen hat sie emp­foh­len, die Er­ben fi­nan­zi­ell zu ent­schä­di­gen. Die Gei­ge be­saß da­mals ei­nen Wert von 150.000,- €, von de­nen Re­no­vie­rungs­kos­ten in Hö­he von 50.000,- € ab­zu­zie­hen wa­ren. Die Er­ben soll­ten des­halb ei­ne Ent­schä­di­gung von 100.000,- € er­hal­ten. Mit die­sem Vor­ge­hen ha­ben sich bei­de Sei­ten ein­ver­stan­den er­klärt.